Gabriel Urban Fauré
Requiem op. 48 und Cantique de Jean Racine
Sonntag,
10.11.2024 18.00
Uhr
Pauluskirche Ulm

Mit einem
wunderschönen Konzert der Ulmer Kantorei und weiterer Mitwirkender wurde des
100. Todestages des französischen Komponisten Gabriel Fauré in der Pauluskirche
gedacht. Foto: Manuela Rapp
Eine Hommage an Gabriel Fauré
In der Pauluskirche gab die Ulmer Kantorei ein Konzert zum 100. Todestag des französischen Komponisten. Seine Musik verkörpert auch eine Zeit großer Umbrüche.
13.11.2024 Neu-Ulmer Zeitung von Manuela Rapp
Ulm Am Ende große Begeisterung für ein Konzert, das nachhallt. Der Anlass: Der 100. Todestag des französischen Komponisten Gabriel Urbain Fauré, für den sogar eigens Glocken des Gedenkens geläutet wurden. Sein Requiem, das eine so ganz andere, optimistische und friedvolle, Sicht auf den Tod offeriert, stand im Mittelpunkt einer Hommage der Ulmer Kantorei für den großen Tonschöpfer. Mit dabei in der Pauluskirche unter der Gesamtleitung von Professor Timo Handschuh: das Orchester Musica Viva sowie die Solisten Katarzyna Jagiello (Sopran) und Thomas Nießer (Bariton). Virtuos, mitreißend und beeindruckend dazu das Orgelspiel der Kirchenmusikerin Marion Kaßberger.
Chordirektorin Ulrike Blessing jedenfalls dürfte ein Stein vom Herzen gefallen sein. Ein Unfall eine Woche vor der Aufführung machte es ihr unmöglich, das von ihr einstudierte Konzert zu leiten. Dass Timo Handschuh, früherer Generalmusikdirektor bei den Ulmer Philharmonikern, kurzfristig ihre Vertretung übernommen hat, verdient der dankbaren Erwähnung.
Obgleich Fauré (1845-1924) im Vordergrund stand – neben seinem Requiem auch mit seinem anrührenden „Cantique de Jean Racine“ – waren es noch zwei weitere bekannte Namen, die beim Konzert eine Rolle spielten: Camille Saint-Saëns (1835-1921) und César Franck (1822-1890). Alle drei Franzosen tragen an der Schwelle der Spätromantik dem neuen Zeitgeist des anbrechenden Industriezeitalters in ihrer Tonsprache Rechnung. Es ist die Zeit der Umbrüche – hörbar auch in der Musik.
„Es war eine Periode großer Umwälzungen Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts“, erläuterte denn auch Dr. Walter Stammler in seiner Einführung in der nicht ganz vollbesetzten, für ihre Akustik bekannten Pauluskirche. „Krassere Umbrüche und krassere Konflikte als wir sie im Moment erleben“, hätten den Fin de Siècle geprägt. Aus dieser Mischung zwischen Aufbruchstimmung, aber auch Weltschmerz und Lebensüberdruss, aus Fortschrittsverheißung und Untergangsfantasien, seien einzigartige Kompositionen entstanden, so Stammler.
Konzentriert hatten sich die Veranstalter – das liegt in der Natur der Sache – auf geistliche Werke. Dazwischen las Maria Braun im französischen Original und in seinem deutschen Äquivalent den Text des „Cantique de Jean Racine“. Es sind Worte des Lobpreises, der Hoffnung auf Gnade und Erlösung: „Christus, sei diesem gläubigen Volk gewogen, das jetzt versammelt ist, um dich zu preisen.“ Poetisch und bewegend, das muss in diesem Zusammenhang ebenfalls angemerkt werden, ist etwa auch der Text des „Panis Angelicus“ von César Franck, der von Sopranistin Katarzyna Jagiello feinfühlig vorgetragen wurde.
„Cantique de Jean Racine“ und „Requiem“ werden oft gemeinsam aufgeführt. So auch bei diesem Konzert. Es sind Kompositionen, die, mit einem Hauch von Melancholie, etwas Tröstliches, Umhüllendes haben. Es bedarf großen Könnens, um im „Requiem“ die feinen, lyrischen Passagen bis hin zu bewegenden, ja dramatischen Gefühlen herauszuarbeiten. Nur dann kann sich das Publikum auch ganz auf die Musik einlassen. Es ist ein dichtes homogenes Ganzes, in dem die beiden Solisten Katarzyna Jagiello und Thomas Nießer, aber auch die Organistin Marion Kaßberger ihre eigenen schönen Akzente setzen, und sich dennoch einfügen.
Seien es kontemplative Gefühle, sei es die Auseinandersetzung mit der eigenen Vergänglichkeit – so etwas auszulösen, das ist große Kunst. Und genau das gelang dieser Aufführung. Ein Geschenk.
Tröstliches Requiem ohne Strafgericht
Pauluskirche Die Ulmer Kantorei huldigt dem französischen Komponisten Fauré, Totenmesse inklusive.
12.11.2024 Ulmer Kulturspiegel (Südwest-Presse) von Christa Kanand
Mozart, Verdi, Brahms, Bruckner – die Liste der Totenmessen ist lang. Das Requiem von Gabriel Urban Fauré ist anders als alle anderen: sanftmütig, tröstlich, ohne das übliche himmlische Strafgericht „Dies irae“ (Tag des Zorns). „Aber so sehe ich den Tod: als eine glückliche Erlösung, ein Streben nach höherem Glück und nicht als schmerzhafte Erfahrung,“ schrieb der Komponist. Sein Requiem – in der großen Fassung von 1900 bei der Pariser Weltausstellung vor 5000 Menschen aufgeführt – hatte mit 110 Mitwirkenden in der recht vollen Pauluskirche Eventcharakter.
Zeitnah zum 100. Todestag Faurés am 4. November widmete die Ulmer Kantorei dem
Franzosen eine Hommage – allerdings ohne die Chordirigentin Ulrike Blessing, die
nach einem häuslichen Unfall ausfiel. Zum Glück sprang Timo Handschuh, der
frühere Generalmusikdirektor am Theater Ulm und jetzt Professor an der
Musikhochschule Köln, kurzfristig ein. Erfahren, einfühlsam dirigierend, hatte
er den gut vorbereiteten Klangapparat bestens im Griff.
Zur Eröffnung bot Marion Kaßberger, Organistin an der Wiblinger Basilika, auf der dreimanualigen Link-Orgel die meditative Es-Dur-Fantasie von Camille Saint-Saëns, einem Lehrer und Förderer von Fauré. Der erst 19-Jährige schrieb sein wohl beliebtestes Chorwerk „Cantique de Jean Racine“, das mit Streicher- und Harfen-Zauber unter die Haut ging.
Flirrende Orgelstücke
Die französischen Texte und Übersetzungen rezitierte Maria Braun, die dem 70-Minuten-Konzert auch zeitgeschichtlichen Fin-de-siècle-Hintergrund gab, im Wechsel mit Kaßbergers kurzen, impressionistisch flirrenden Orgelstücken aus César Francks "L´Organiste".
Balsam für die Seele bot mit engelsgleichem Sopran Katarzyna Jagiello in Francks „Panis angelicus“. Danach der Höhepunkt, Faurés Requiem, dessen abgeklärte Süße Handschuh in feiner Partnerschaft mit dem renommierten Orchester Musica Viva Stuttgart, darunter lobenswerte Hornisten, nie in Kitsch abdriften ließ. Wohlklingend meisterte die Ulmer Kantorei die zwischen Dur und Moll modulierenden Chorsätze. Thomas Nießer, derzeit am Londoner Covent Garden, glänzte mit Bariton-Wärme, Jagiello im berührenden Herzstück „Pie Jesu“. Nach dem chorischen Schönklang „In Paradisum“ folgte minutenlanger Applaus der 550-köpfigen Hörgemeinde.

Gabriel Urban Fauré: Requiem op. 48
Kein aufwühlendes
Dies Irae zum Jüngsten Tag, wie es Verdi oder Mozart in ihrem Requiem komponiert
haben, sondern insgesamt eine Totenmesse „von sanftmütigem Charakter, so wie ich
selbst“, schreibt Gabriel Urban Fauré im Jahr 1900 zur Premiere der großen
Fassung seines Requiem op. 48 bei der Pariser Weltausstellung vor 5000 Zuhörern.
1888 bei der Uraufführung in Paris erklang das Werk noch in der schlichteren
Urfassung für Kammerorchester.
Fauré hat in seinem Requiem nicht den
gesamten Text der Totenmesse vertont. Dass er auf das Dies Irae mit dem
himmlischen Strafgericht und der Androhung von Höllenqualen verzichtete, sei in
den Augen der Amtskirche ein Skandal gewesen, berichtete seinerzeit Nadja
Boulanger, die ebenso wie Maurice Ravel von Fauré Kompositionsunterricht bekam.
Fauré wollte nicht die Angst vor der Strafe des Himmels vertonen, sondern mit
seiner Musik eine friedvolle Vision des Jenseits schaffen. Den Tod bezeichnete
er nicht als „schmerzliches Erlebnis, sondern als eine willkommene Befreiung,
ein Streben nach dem Jenseits“.
Mit dieser versöhnlichen und
optimistischen Sicht auf den Tod ist das Requiem von Gabriel Fauré (12. Mai 1845
– 4. November 1924) auch im 100. Todesjahr des Komponisten, besonders und
einzigartig. Im Konzert der Ulmer Kantorei erklingt außerdem Cantique de Jean
Racine (komponiert 1864-65).
von Irmgard Lorenz