Felix Mendelssohn: Oratorium Paulus
Sonntag, 05.05.2024 18.00 Uhr
Pauluskirche Ulm

 


Die Ulmer Kantorei brillierte in der Pauluskirche (Foto: Matthias Kessler)
Südwest-Presse vom 07.05.2024

 

Ulmer Kantorei überzeugt

07.05.2024 Südwest-Presse (Ulmer Kulturspiegel) von Thomas Dietrich

Pauluskirche Wohlklang pur: Stimmgewaltiger Chor erfreut das Publikum mit Mendelssohns „Paulus“-Oratorium.

In der sehr gut besuchten Pauluskirche brachte am Sonntag die Ulmer Kantorei das Oratorium „Paulus“ von Felix Mendelssohn zur Aufführung. Während der erste Teil des Oratoriums die Steinigung des Stephanus sowie Bekehrung und Taufe des Saulus (Paulus) beinhaltet, geht es im zweiten Teil um die Aussendung von Paulus und Barnabas, die Verfolgung des Paulus durch seine ehemaligen Glaubensgenossen, den Abschied von der Gemeinde in Ephesus und seinen Märtyrertod.

Mit ausladenden Gesten und Temperament führte Chordirektorin Ulrike Blessing die Musizierenden sicher durch die farbenreiche Partitur und ihre Finessen. Schon bei der Ouvertüre, die den späteren Choral „Wachet auf, ruft uns die Stimme“ zitiert, wurde deutlich, wie wunderschön das Concerto Tübingen diese tolle Musik spielt. Danach kam der gewaltige Chor mit 63 Frauen- und 31 Männerstimmen dazu. Die vielfältige Gestaltung der Chorsätze gelang äußerst überzeugend. Immerhin ist der Chor bei 23 der insgesamt 45 Nummern beteiligt.

Klare, warme Stimme

Schlichte Sätze, lyrische Chöre, kunstvoll komponierte Fugen und fünf Choräle als reflektierende Ruhepunkte nach dem Vorbild Bachs wurden gekonnt gesungen. Katarzyna Jagiello und Tobias Völklein teilten sich die Rolle des Erzählenden, der die Handlung voranbringt. Auch in den ariosen Teilen überzeugte die Sopranistin erneut mit ihrer klaren und warmen Stimme.

Völklein gelangen seine Stephanus-Arie und diverse Duette ebenso gut mit in jedem Ton hörbarer Überzeugungskraft. Altistin Christianne Bélanger hatte nur einen Soloauftritt, der jedoch mit Wohlklang vorgetragen im Gedächtnis bleibt. Don-Jin Choi, Gast aus dem Ulmer Opernchor, trat als falscher Zeuge in Erscheinung zusammen mit Dennis Sörös, der auch den Paulus sang. Mit seinem kraftvollen und schönen Bass bot er ein höchst anschauliches Bild der Wandlung vom Saulus zum Paulus. Standing Ovations!

 

 

 

Felix Mendelssohn: PAULUS

Die Uraufführung 1836 löste euphorische Begeisterung aus, es folgten zahllose Aufführungen in ganz Europa – das Oratorium PAULUS war zu Lebzeiten von Felix Mendelssohn-Bartholdy sein populärstes Werk. In zwei Teilen beschreibt es, wie der Christenverfolger Saulus von Tarsus Bekehrung erfährt und sich zum Apostel Paulus wandelt.

„Und als er auf dem Wege war und nahe zu Damaskus kam, umleuchtete ihn plötzlich ein Licht vom Himmel, und er fiel auf die Erde und hörte eine Stimme, die sprach zu ihm: Saul! Saul! Was verfolgst du mich?“ Diesem Tenor-Rezitativ antwortet der Chor mit: „Mach dich auf! Werde Licht! Denn dein Licht kommt, und die Herrlichkeit des Herrn gehet auf über dir.“

Dieser zentrale, große Chorsatz zeigt: Der getaufte Jude Felix Mendelssohn-Bartholdy, der sein erstes Oratorium streng auf Bibeltexten begründete, wollte nicht in erster Linie das Leben einer historischen Persönlichkeit vertonen, sondern Paulus als exemplarische Figur darstellen, die durch Bekehrung und Standhaftigkeit im Glauben die Gerechtigkeit Gottes erfahren darf.

Mit seiner Oratorien-Trilogie PAULUS (1836), ELIAS (Uraufführung 1846; 2023 von der Ulmer Kantorei aufgeführt) und CHRISTUS (unvollendet) stellt Mendelssohn das Leben großer Gestalten der jüdisch-christlichen Tradition dar. Mendelssohn, ein überzeugter Protestant mit jüdischen Wurzeln war fasziniert vom Leben des Apostels Paulus – standen doch beide vor der Frage: Bin ich Jude? Bin ich Christ?

1933 wurde die Musik von Felix Mendelssohn-Bartholdy in Deutschland verboten. 1937 wurde das Mendelssohn-Denkmal vor dem Leipziger Gewandhaus – dorthin war der Komponist 1835 als Kapellmeister berufen worden – zerstört. Nach Aufenthalten in England und Jahren in Berlin kehrte Mendelssohn nach Leipzig zurück und gründete 1843 in den Gebäuden des Gewandhauses das Conservatorium, die erste Musikhochschule Deutschlands. Am 4. November 1847 verstarb er im Alter von 38 Jahren in Leipzig. Sein Wohn- und Sterbehaus in der Goldschmidtstraße (damals Königstraße) ist heute ein Museum.

Irmgard Lorenz