G. F. Händel: Messias
Sonntag, 07.12.2025 18.00
Uhr
Pauluskirche Ulm

Händels "Messias" in der Pauluskirche: Ulrike Blessing
dirigierte letztmals die Ulmer Kantorei.
Foto: Samuel Tschaffon
„Auf immer und ewig, halleluja“
Chöre Mit einer
festlichen Aufführung des Oratoriums „Der Messias“ verabschiedet sich Ulrike
Blessing in der Pauluskirche bejubelt als Dirigentin der Ulmer Kantorei.
Ulmer Kulturspiegel Südwestpresse 09.12.2025 von Jürgen Kanold
Das
Herz erstarrt, die Seele lahm, den Glauben an Gott verloren – so irrt Georg
Friedrich Händel im Sommer 1741 nächtens durch London. Schulden hat der
Komponist, aber keine Schöpferkraft mehr. Lebensmüde schleppt er sich nach Hause
in die Brookstreet. Dort liegt im Zimmer ein Packen Papier auf dem Tisch, mit
einem Brief seines Textdichters Charles Jennens: Der hohe Genius der Musik möge
sich doch bitte seiner Worte erbarmen. Ein Hohn, schnaubt Händel.
Schlaflos wälzt er sich im Bett, dann schiebt er neugierig eine Kerze vors
Titelblatt: „The Messiah“. Er blättert um: „Comfort ye“ steht da – „sei
getrost“. Er fährt auf. Wie ein „Zauber war es, dieses Wort“, dann hörte Händel
es „in Tönen schwebend, rufend, rauschend, singend. O Glück, die Pforten waren
aufgetan, er fühlte, er hörte wieder in Musik!“
Ein Loblied auf die
großartige lokale Chorkultur.
Diese Historie beginnt am 21. August 1741
und heißt „Georg Friedrich Händels Auferstehung“. Stefan Zweig war zwar nicht
dabei, aber in seinen „Sternstunden der Menschheit“ schildert der Schriftsteller
pathetisch, wie Händel den „Messias“ in wenigen Wochen komponierte. Oder sagen
wir: wie das der barocke Kraftkerl, der nach einem Schlaganfall 1737, einem
Opern-Bankrott und dem Tod der ihm gesonnenen Königin keinen Glauben mehr an
sich hatte, getan haben könnte.
Auch solche Geschichten klingen
naturgemäß mit bei einer Aufführung des „Messias“ – wie jetzt am Sonntag in der
voll besetzten Ulmer Pauluskirche mit der Ulmer Kantorei und einem
ausdrucksvollen Orchester aus aktuellen und ehemaligen Mitgliedern der Ulmer
Philharmoniker und weiteren Akteuren. Eines der großen Werke der Barockmusik,
mit bürgerlichem Großaufgebot.
Was auch mal angestimmt werden muss: Eine
Hymne auf die großartige lokale Laienchor-Kultur, Respekt! In diesen beiden
letzten Monaten des Jahres hat der Oratorienchor Ulm (Thomas Kammel) das
gewaltige Verdi-Requiem aufgeführt, die Münsterkantorei (Friedemann Johannes
Wieland) und die Wiblinger Kantorei (Albrecht Schmid) bieten Bachs
Weihnachtsoratorium, Tanja Schmid nimmt sich mit dem Dekanatschor Neu-Ulm in der
Petruskirche die Lobgesang-Sinfonie Mendelssohn Bartholdys vor. Und das ist
längst noch nicht alles.
Ulrike Blessing also hat den (auf gut zwei
Stunden leicht gekürzten) „Messias“ dirigiert: besinnlich und kraftvoll,
manchmal ausgedehnt, allzu auskostend, dann aber angreifend-mitreißend, immer
aufs Lautmalerische der Partitur hörend, auf den ins Deutsche übersetzten Text.
Deutlich akzentuierte die Ulmer Kantorei wichtige Worte: „Wunderbar, Herrlicher,
der starke Gott“. Wirkungsvoll.
Händels Werk musikalisiert die
christliche Heilsgeschichte in drei Teilen: Verheißung und Geburt; Passion und
Auferstehung; Glaubensgewissheit der erlösten Menschheit. Es ist ein Oratorium
fürs ganze Jahr, aber die „Pifa“ für Streicher ist als „Weihnachtspastorale“
naturgemäß einer der „Messias“-Hits. Und überragend das „Halleluja“ am Ende des
zweiten Teils: „Herr der Herrn, der Welten Gott“, schraubt sich der Sopran in
die Höhe. „Auf immer und ewig, halleluja, halleluja“, bestätigt der Chor.
Dazu prachtvolle Arien, etwa „Sie schallt, die Posaun“ mit dem basskantablen
Jan-Henrik Witkowski. Der junge Koreaner Hyoungjoo Yun sang die Tenor-Partie,
Brigitta Ambs gediegen-frisch die Alt-Partie. Und Maria Rosendorfsky, die grade
als Wirtin im „Weißen Rössl“ am Theater Ulm zu erleben ist, zeigte einmal mehr,
etwa in der Arie „Erwache, frohlocke“, dass sie eine wunderschön klare Stimme
fürs Oratorien-Repertoire besitzt.
Es war eine mit Standing Ovations
gefeierte Aufführung der Ulmer Kantorei – ein Jubel, der auch eine
Gesamtleistung würdigte: Nach sieben Jahren hat sich Ulrike Blessing als
Leiterin mit dem „Messias“ verabschiedet. Übrigens just am 7. Dezember, am 96.
Geburtstag von Albrecht Haupt, ihren im Clarissenhof wohnenden Vorgänger, der
sagenhafte 59 Jahre den Chor dirigiert hatte.
Auch das macht die
musikalische Laienkultur aus, die Tradition – wobei gerade ein Chor auch immer
nach singenden Nachwuchskräften Ausschau halten muss. Von Januar an führt nun
Guido Bauer die Ulmer Kantorei als künstlerischer Leiter weiter.
Neuer Dirigent ist Guido Bauer
Zum 1. Januar übernimmt Guido Bauer,
Fagottist, Tenor und Schulmusiker, seit 2008 Lehrer am Ulmer Humboldt-Gymnasium,
die künstlerische Leitung der Ulmer Kantorei. Erstes Projekt: der Passionszyklus
„Membra Jesu nosti“ von Dietrich Buxtehude, der am 29. März 2026 in der
Pauluskirche aufgeführt wird.

Bei der Aufführung des „Messias“ mit der Ulmer
Kantorei wirkten mit Teile des Philharmonischen Orchesters Ulm sowie Hyoungjoo
Yun, Jan-Henrik Witkowski, Brigitta Ambs, Maria Rosendorfsky sowie Ulrike
Blesseing (rechts), welche die Gesmatleitung hatte.
Foto: Regina Langhans
Ein Abschied mit Pauken und Trompeten
Mit Händels
„Messias“ gab Chorleiterin Ulrike Blessing ihr letztes Konzert an der Spitze der
Ulmer Kantorei. Sie begeisterte das Publikum noch einmal.
Augsburger
Allgemeine Neu-Ulmer Zeitung 09.12.2025 von Regina Langhans
Ulm
Beim großartigen Vortrag des „Halleluja“ Sonntagabend schien die Pauluskirche zu
beben: Mit der Aufführung von Georg Friedrich Händels „Messias“ unter ihrer
versierten Chordirektorin Ulrike Blessing hatte sich die Ulmer Kantorei eines
der berühmtesten Oratorien vorgenommen und unterstützt von Mitgliedern des
Philharmonischen Orchester Ulm zum Strahlen gebracht. Der begeisterte
Publikumsapplaus dürfte insbesondere bei Blessing nachhallen – es war ihr
Abschiedskonzert.
Bei Pauken und Trompeten, wie sie eben beim „Halleluja“
zum Einsatz kommen, ließ die Ulmer Kantorei gemeinsam mit ihrer geschätzten
Chordirektorin eine achteinhalbjährige Ära zu Ende gehen. Als Solisten traten
Maria Rosendorfsky (Sopran), Brigitta Ambs (Alt), Hyoungjoo Yun (Tenor) sowie
Jan-Henrik Witkowski (Bass) auf. Die vielen Solo- und Begleitparts am Cembalo
übernahm Giordana Fiori.
Gleich zu Beginn erfuhr das Publikum schön
artikuliert in erzählenden Rezitativen und beschreibenden Arien der Solisten von
der Verheißung des Messias. Beispielsweise stellte der Tenor mit klangvoller
Stimme die Herrlichkeit Gottes dar. Besonders nahegehend sodann, wie die
Sopranistin begleitet von Cembaloklängen die Hirtenszene auf dem Feld vortrug.
Oder danach die Altistin mit verheißungsvollem Ausdruck die zu erwartenden
Wunder des Messias wie die Blindenheilung intonierte. Bei der rein instrumental
vorgetragenen „Pifa“ wurde vom Orchester in ruhigen Harmonien die
Weihnachtsgeschichte mit den Hirten vergegenwärtigt. Der zweite Teil des
Oratoriums beginnt mit der Passionsgeschichte. So trug etwa der Bass mit
ausdrucksstarker Mimik die Jesus entgegengebrachten Schmähungen vor. Darauf
folgen die Osterereignisse, welche in das berühmte „Halleluja“ münden, bei dem
sich Orchester und Chor gegenseitig zu jubilierenden Klängen aufschaukeln.
Im dritten Teil des Oratoriums blieb dem Chor nach diversen Einsätzen der
opulente Ausklang überlassen. Er übernahm jeweils die Rolle der Menschenmenge
und unterstrich das in den Arien oder Rezitativen Gehörte. Im vorletzten Satz
resümierten und würdigten die Sängerinnen und Sänger mit viel Text und
Temposteigerungen die Geschichte von Jesus als dem Messias. Erneut überstrahlten
Trompetenklänge Chorgesang und Orchester und strebten einem fulminanten Ausklang
zu. Beim abschließenden „Amen“ bekam der Chor nochmals Möglichkeit „a cappella“
ein hörbar friedvolles Aufatmen klangschön zu intonieren, bis letztmals das
Orchester einstimmte zum großen Finale. Statt ehrfürchtiger Stille brandete
sofort der Applaus los.
Die Uraufführung des „Messias“ fand 1742 in
Dublin statt. Das inhaltlich dreiteilige Oratorium thematisiert Jesu Lebensweg:
Es wird traditionell zur Weihnachtszeit aufgeführt, aber auch in Teilen an
Ostern. Für den mitgliederstarken gemischten Chor der Ulmer Kantorei war es
nicht schwer, auf großer Bühne in der Pauluskirche stimmgewaltig und mit
gesanglicher Präsenz aufzutreten. Zumal Ulrike Blessing – Orchester und Solisten
dazugenommen – einen opulenten Klangkörper zu schaffen wusste.
Für
Tuttiklänge konnte sie mit weiten Armbewegungen alle zusammenführen, einzelnen
Orchester- oder Chorpassagen wandte sie sich direkt zu und ihre Körperhaltung
zeigte: Sie dirigierte nicht vor dem Ensemble, sondern stand in der Musik
mittendrin. Für ihre musikalische und künstlerische Arbeit wurde sie von Walter
Stammler aus dem Vorstand der Kantorei mit warmherzigenWorten verabschiedet. Er
beschrieb Blessing als Musikerin und Sängerin, die am Klavier mit der rechten
Hand spielt, mit der linken dirigiert und beim Proben nötigenfalls zugleich noch
mitsingt.

Georg Friedrich Händel: Der Messias
Oratorien sind
ursprünglich als geistliche Exerzitien im Betsaal („Oratorium“) aufgeführt
worden. Anfang des 17. Jahrhunderts entstanden solche opernartigen Werke mit
religiösem Inhalt in Rom. Sie kamen über Frankreich nach England, wo Georg
Friedrich Händel diese musikalische Gattung zu einem glanzvollen Höhepunkt
brachte. Er war als junger Mann in Italien gereist, hatte Opern komponiert und
entwickelte in den 1730er und 1740er Jahren den neuen dramatischen Oratorienstil
mit Arien, Rezitativen und Chören (Saul, Messias, Judas Maccabäus u.a.).
Die Uraufführung des Oratoriums Der Messias fand am 13. April 1742 in Dublin
statt, die erste Aufführung in London war im März 1743, aber Bibelworte im
Theater zu singen und zu musizieren, wurde vielfach als anstößig empfunden.
Wirklich populär wurde das Werk erst durch die Aufführung 1750 zu wohltätigen
Zwecken in einer Kapelle in London.
Der aus Bibelworten gefügte Text wird
dem Gelehrten und Händel-Freund Charles Jennens zugeschrieben, andere Quellen
nennen einen Hauskaplan namens Pooley. Jedenfalls soll der Komponist an der
Redaktion des Textes entscheidend beteiligt gewesen sein.
In den Londoner
Operntheatern wurden Händels oratorische Werke seinerzeit von einem
halbkreisförmig um die zentral positionierte Orgel angeordneten Orchester
aufgeführt. Um das Cembalo waren die Continuo-Gruppe und die Vokalsolisten
platziert. Der Chor (kirchenmusikalische Kollegien mit Kapellknaben im Sopran
und Falsettisten im Alt) war im Vordergrund auf der Theaterbühne aufgestellt und
umfasste gut 20 Sänger. Die legendären großen Chöre gab es erst, als bürgerliche
Chorgemeinschaften die kirchlichen Vokalensembles ablösten. Es ist anzunehmen,
dass Händel von der Orgel, eventuell auch vom Cembalo aus, die Aufführungen
leitete.
Das Oratorium Der Messias gliedert sich in drei Teile:
-
Messianische Verheißung und Geburt des Heilands
- Passion und Auferstehung
(mit dem berühmten „Halleluja“ am Ende)
- Meditation und Bekenntnis,
Verherrlichung des Messiasgedankens, der die Welt erfüllt und überwindet.
Irmgard Lorenz